Die Geschichte der Wolgadeutschen

Der Deportationserlass vom 28. August 1941 und seine Folgen

Jahrhundertelang siedelten deutsche Einwanderer auf dem Gebiet des heutigen Russlands und weiterer Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war auch für die deutschstämmigen Siedler folgenreich: Kollektiv wurden sie der Kollaboration mit dem faschistischen Regime bezichtigt und auf Grundlage diverser Stalinistischer Erlasse nach Sibirien und Zentralasien deportiert. 
 
Spuren deutscher Besiedlung auf dem Gebiet des heutigen Russlands lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Als Wolgadeutsche werden die Nachkommen deutscher Einwanderer in das Russische Reich bezeichnet, die vorwiegend am Unter- und Mittellauf der Wolga siedelten. Im späten 18. Jahrhundert – unter Katahrina II. – erlebte die deutsche Ostsiedlung ihre Blütezeit. Hunderttausende Einwanderer folgten in mehreren Wellen dem Ruf Katharinas II., die für einen aufgeklärten Absolutismus stand. Sie förderte die Ansiedlung, um ein Bevölkerungswachstum sicherzustellen, unbewohnte Gebiete zu besiedeln und damit Macht und Wohlstand des Russischen Reiches zu mehren.  
 
Ihr Einladungsmanifest von 1763 stellte den Siedlern viele Privilegien wie den Besitz von Grund und Boden, Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Selbstverwaltungsrechte und dreißigjährige Steuerfreiheit in Aussicht. In Zeitungen und Kirchen der deutschen Fürstentümer fand der „Katharinenruf“ seine Verbreitung. Insbesondere aus dem Südwestdeutschen Raum machten sich zahlreiche Menschen, getrieben aus wirtschaftlicher Not, auf den Weg. Ein weiterer Hauptgrund für den Migrationswillen war die von Katharina garantierte Religionsfreiheit. 
 
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten bereits 600.000 Deutsche in den russischen Siedlungsgebieten – allein an der Wolga gab es mehr als 100 Kolonistendörfer, deren Bewohner den Widrigkeiten trotzten und das Land urbar machten. 1871 wurden die Sonderrechte und Privilegien der Siedler durch Zar Alexander II. eingeschränkt und 1874 schließlich ganz aufgehoben. Eine Auswanderungswelle war die Folge. 
 
Unter Lenin folgten weitere Einschränkungen und Repressalien. Seine Politik des Kriegskommunismus im Bürgerkrieg führte unter Androhung von Gewalt zu umfangreichen Abgabeverpflichtungen: Ernteerträge, Pferde und Fuhrwerke mussten bereitgestellt werden, Rekruten wurden zwangsverpflichtet. In der Folge starben tausende Wolgadeutsche, besonders während der Hungersnot 1921/1922. 
 
1924 – zwei Jahre nach Gründung der Sowjetunion – installierte Josef Stalin zu den 22 bestehenden Republiken eine weitere hinzu: Die „Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen“ entstand. Sie reichte von der nördlich gelegenen Stadt Saratow bis zum südlich gelegenen Stalingrad. Enteignungen und die Zwangskollektivierung wurden rigoros durchgesetzt, sodass die zumeist von der Landwirtschaft lebenden Menschen ihren Besitz verloren. 
 
In den 1930er Jahren existierten in der Wolgadeutschen Republik eine Vielzahl deutscher Kulturvereine sowie deutschsprachige Zeitungen. Nachdem im Deutschen Reich 1933 die NSDAP unter Adolf Hitler die Macht ergriff, hatte dies auch Nachwirkungen auf die Sowjetunion und damit auf die Wolgadeutsche Republik: Zahlreiche deutschstämmige und -sprachige Menschen wurden der Spionage für das nationalsozialistische Regime verdächtigt und verhaftet. 
 
Von 1939 bis 1941 kam es zunächst zu einer scheinbaren Entspannung. In einem geheimen Zusatzabkommen zum Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 wurden die deutschen und sowjetischen Interessensphären in Ost- und Südosteuropa absteckt und bereits die spätere Aufteilung Polens vorweggenommen. Nach dem deutschen Überfall auf Polen im September 1939 wurden die Pläne entsprechend durchgeführt. Anschließend kam es zur Schließung des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrags. In der Wolgadeutschen Republik stiegen die Sympathien für Adolf Hitlers Politik und das nationalsozialistische Deutschland. Für das Jahr 1940 war gar ein Besuch Hitlers geplant, der aber nie zustande kam. 
 
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 gab es zunächst keine direkten Auswirkungen auf die wolgadeutsche Bevölkerung. Die schnell vorrückende Wehrmacht brachte etwa 20 % der russlanddeutschen Bevölkerung unter ihre Herrschaft. Sie wurden als sog. Volksdeutsche rassenideologisch instrumentalisiert. Gleichzeitig wurden zehntausende deutschstämmige Soldaten aus der Roten Armee suspendiert und in Strafbataillone der Arbeitsarmee zwangsversetzt. 
 
Am 28. August 1941 ließ Stalin das Präsidium der Obersten Sowjets der UdSSR den Erlass „Über die Umsiedlung der im Wolgagebiet ansässigen Deutschen“ beschließen. Dies betraf etwa zwei Drittel der rund 600.000 Einwohner der Wolgadeutschen Republik. Kollektiv wurden sie der Kollaboration mit dem faschistischen Regime bezichtigt und nach Sibirien und Zentralasien deportiert. 
 
Bei den Deportationen wurden Familien gewaltsam getrennt, tausende Menschen kamen ums Leben. Die deutschstämmige Bevölkerung verlor ihre staatsbürgerlichen Rechte und ihr persönliches Eigentum. Insgesamt wurden mehr als 900.000 Russlanddeutsche zwangsumgesiedelt. Hunderttausende zwischen 14 und 60 Jahren – auch Frauen – wurden nach und nach in die Arbeitsarmee – die sog. Trudarmee – eingezogen. An der Zwangsarbeit, mangelnder medizinischer Versorgung, der schlechten Versorgungslage und den desolaten Wohn- und Lebensbedingungen starben mindestens 150.000 Menschen. Die genauen Zahlen konnten niemals ermittelt werden. 
 
Der Freispruch vom Vorwurf der Kollaboration erfolgte erst 1964, elf Jahre nach dem Tod von Josef Stalin. Eine Rückkehr in die ursprünglichen Siedlungsgebiete blieb den Russlanddeutschen und damit auch den Wolgadeutschen jedoch verwehrt. Eine schriftliche Verzichtserklärung auf Entschädigung für das enteignete Vermögen war verpflichtend.
 
Etwa ein Viertel aller Russlanddeutschen – deutschstämmige Bewohner Russlands und anderer Nachfolgestaaten der Sowjetunion –  sind Wolgadeutsche. Mehrheitlich sind die Russlanddeutschen als Aussiedler (bis 1993) und Spätaussiedler (seit 1993) in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert. Etwa zwei Drittel aller knapp 2,5 Millionen in Deutschland lebenden Russlanddeutschen gehören aktuell den protestantischen Kirchen an. 
 
von Lennart Bohne, Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld 

Die Dokumentationsstätte Gnadenkirche Tidofeld ist Friedensort der ev.-luth. Landeskirche Hannovers im Sprengel Ostfriesland-Ems. In ihrer Dauerausstellung in der ostfriesischen Küstenstadt Norden untersucht die Dokumentationsstätte die Ankunftssituation und Integrationsgeschichte der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten. Dies ist der Ausgangspunkt um Perspektiven auf die bundesdeutsche Migrationsgeschichte zu eröffnen und über die Themen Migration, Ankunft und Integration in den Dialog zu treten.