Andacht

Andacht zu Psalm 126, 1.2

Der Friede des Herrn sei mit Euch allen!
 
Ich lese aus Psalm 126 die Verse 1 und 2:
 
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, 
so werden wir sein wie die Träumenden. 
Dann wird unser Mund voll Lachens 
und unsere Zunge voll Rühmens sein. 
 
Gott, der Herr, segne sein Wort an uns allen! Amen. 
 
Liebe Anwesende, 
 
es gibt zwei Arten von Gefangenschaft. 
 
Die eine ist eine physische hinter Stacheldraht und Mauern. Wer sie erlebt hat, vergisst sie nicht wieder. Diese Gefangenschaft, derer wir heute gedenken, ging zu Ende. Gott sei es gedankt! Es folgten Jahre, in denen die Repressalien in der Sowjetunion nicht aufhörten, aber die Gefangenschaft war zu Ende. 
 
Es gibt aber auch die Gefangenschaft des Herzens und der Seele. Sie ist in vielen aus der Erlebnisgeneration die Folge der physischen Gefangenschaft. Wenn ich mit solchen älteren Schwestern und Brüdern Gottesdienst feiere oder Versammlung halte, fällt mir auf, dass sie nicht lachen. Und sie lachen nicht nur in der Kirche nicht, sie lachen überhaupt nicht mehr. 
Gottes Wort sagt uns zu, dass der Herr die Gefangenen erlösen wird. 
 
Es ist hier nun auch von zweierlei Erlösung zu sprechen. 
 
Das eine ist die österliche Erlösung. Es gibt eine Gefangenschaft der Herzen und der Seele, die wird in dieser Welt nicht mehr in die Freiheit finden. In jener Welt aber wird Gott frei machen, wenn der auferstandene Jesus am anderen Ufer steht und diese Seelen willkommen heißt, dann wird auch ihr Mund wieder voll Lachens sein und ihre Zunge den Erlöser rühmen. 
 
Aber die andere Erlösung, die gibt es auch. Die müssen wir zu erlangen suchen. Der heutige Tag hat damit zu tun. Es ist die Erlösung durch Erinnerung. Wer sich erinnert, will zum einen für die Zukunft Schlimmes verhindern. Aber er kann auch die Gefangenschaft des Herzens und der Seele lösen. 
Ich weiß, was für ein schwieriges Thema das ist zwischen den Generationen. Manche der Jungen sagen, dass sie es nicht mehr hören können, wenn die Alten aus schwerer Zeit erzählen. Und manchmal hört man dann den Wunsch: Könnt Ihr Euch nicht einen anderen Gedenktag der Russlanddeutschen suchen als dieses dunkle Datum? 
 
Aber die Jungen müssen gebeten werden, wieder und wieder zuzuhören. In solchem Reden und Hören handelt der Geist Gottes an uns. Dieses Erinnern kann die Gefangenschaft des Herzens und der Seele lösen. Dunkles kommt dann endlich ans Licht und verliert seine dunkle Macht. Im Erzählen lösen sich Fesseln. Und irgendwann kehrt dann auch das Lachen zurück. Das will Gott, der Herr, an uns tun; er will unsere Gefangenschaft lösen und einen Weg für unser Leben bereiten voll Freundlichkeit, mit Freude, die auch lacht, auch mit Dank, der seine Güte rühmt. 
 
Wir beten: 
Herr, unser Gott, 
segne unser Erinnern. Dein Heiliger Geist öffne unsere Herzen. Hilf, dass wir die Vergangenheit nicht fürchten. Du bist ein Gott, der Zukunft eröffnet. Belebe in uns diese Hoffnung. Erlöse uns von allem, was uns am Leben hindert. Das bitten wir dich durch Jesus Christus, unseren Herrn. Amen. 
 
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 
 
(Pastor i. R. Dieter Grimmsmann, Lingen)